MII IG PRO
2026.2.0 - ci-build Unknown region code '276'

MII IG PRO, published by Medizininformatik-Initiative. This guide is not an authorized publication; it is the continuous build for version 2026.2.0 built by the FHIR (HL7® FHIR® Standard) CI Build. This version is based on the current content of https://github.com/medizininformatik-initiative/kerndatensatzmodul-proms/ and changes regularly. See the Directory of published versions

Questionnaire Capabilities

Questionnaire-Varianten-Architektur: Trennung der Verantwortlichkeiten

Die architektonische Erkenntnis

Das MII PRO-Modul implementiert ein ausgeklügeltes Muster zur Trennung der Verantwortlichkeiten ("Separation of Concerns") für Fragebögen, bei dem verschiedene Varianten desselben Fragebogens unterschiedliche Zwecke im Workflow von Gesundheitsdaten erfüllen. Diese Architektur ermöglicht maximale Flexibilität bei gleichzeitiger Wahrung der semantischen Konsistenz über verschiedene Anwendungsfälle hinweg.

Basis-Capabilities (Baukasten-Prinzip)

  1. Collectable (Erfassbar): Wie Daten VON Nutzern EINGEGEBEN werden
  2. Populatable (Vorausfüllbar): Wie existierende Daten GELADEN werden
  3. Calculatable (Berechenbar): Wie Scores AUS Daten BERECHNET werden
  4. Displayable (Anzeigbar): Wie Daten/Ergebnisse DARGESTELLT werden
  5. Extractable (Extrahierbar): Wie Daten aus dem Fragebogenformat in andere FHIR-Ressourcen ÜBERFÜHRT werden

Die entscheidende Erkenntnis ist, dass ein konkreter Einsatz oft weder einzelne noch alle Capabilities benötigt, sondern deren Kombinationen, die spezifische Anwendungsfälle definieren.

Use-Case-basierte Capability-Kombinationen

Use Case 1: Interaktive Datenerfassung mit Echtzeit-Scoring

Capabilities: [collectable, calculatable, displayable]

  • Patient gibt Daten ein
  • Scores werden in Echtzeit berechnet
  • Ergebnisse werden Patienten sofort angezeigt
  • Beispiel: DiGA-Smartphone-App mit Live-Score-Updates
Use Case 2: Mobile Datenerfassung -> Server-Berechnung

Capabilities Client: [collectable] Capabilities Server: [populatable, calculatable, extractable]

  • Mobile App erfasst nur Daten
  • Server lädt QuestionnaireResponse
  • Server berechnet Scores
  • Beispiel: Leichtgewichtige mobile PRO-App
Use Case 3: Historische Daten-Neuberechnung

Capabilities: [populatable, calculatable, extractable]

  • Keine Nutzerinteraktion
  • Lädt existierende Responses
  • Wendet neue Berechnungslogik an
  • Beispiel: Migration auf neue Scoring-Algorithmen oder Datenharmonisierung
Use Case 4: Klinische Ergebnisansicht

Capabilities: [populatable, displayable]

  • Nur-Lese-Zugriff
  • Zeigt vorhandene Daten und Scores
  • Keine Berechnung oder Eingabe
  • Beispiel: Arzt-Dashboard im KIS
Use Case 5: Reine Datenerfassung

Capabilities: [collectable, extractable]

  • Erfasst Daten ohne Berechnung
  • Extrahiert zu QuestionnaireResponse
  • Scoring erfolgt extern
  • Beispiel: Papier-zu-Digital-Erfassung

Der architektonische Durchbruch

Vorausfüllungs-Workflow-Muster

Collectable Fragebogen -> QuestionnaireResponse -> Calculatable Fragebogen -> Berechnete Scores -> Observation Ressourcen
  1. Patient füllt den Collectable-Fragebogen aus
  2. QuestionnaireResponse wird zur Vorausfüllung verwendet
  3. Calculatable-Fragebogen generiert Scores
  4. Scores werden als Observation-Ressourcen extrahiert

Dieses Muster ermöglicht:

  1. Saubere Trennung: Erfassungslogik getrennt von Berechnungslogik
  2. Flexibilität: Verschiedene Berechnungsstrategien ohne Einfluss auf die Erfassung
  3. Wiederverwendbarkeit: Dieselben erfassten Daten können mehrere Berechnungsvarianten speisen
  4. Evolution: Berechnungslogik kann sich unabhängig von der Erfassung entwickeln

Implementierungsbeispiel: EQ-5D-5L

Der EQ-5D-5L-Fragebogen demonstriert diese Architektur perfekt:

//FSH
// Basis-Fragebogen mit Kernstruktur
Instance: mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-base
* url = ".../mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-base"

// Displayable-Variante zur Ansicht im KIS
Instance: mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-displayable
* derivedFrom = ".../mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-base"
* extension[questionnaire-capabilities].valueCode = #displayable

// Collectable-Variante für Patientendateneingabe
Instance: mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-collectable
* derivedFrom = ".../mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-base"
* extension[questionnaire-capabilities].valueCode = #collectable
// Enthält versteckte "Fehlender Wert"-Optionen

// Calculatable-Variante mit Scoring-Logik
Instance: mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-calculatable
* derivedFrom = ".../mii-qst-pro-euroqol-eq5d5l-base"
* extension[questionnaire-capabilities].valueCode = #calculatable
// Enthält FHIRPath-Ausdrücke für Index-, VAS-, Profil-Scores

Erweiterte Workflow-Szenarien

Szenario 1: Mobile Erfassung -> Server-Berechnung

  1. Patient nutzt mobile App mit Collectable-Variante
  2. QuestionnaireResponse wird an Server gesendet
  3. Server nutzt Calculatable-Variante, vorausgefüllt mit Antwortdaten
  4. Berechnete Scores werden als Observations gespeichert
  5. Kliniker sieht Ergebnisse über Displayable-Variante

Szenario 2: Forschungsdatenerfassung -> Multiple Scoring-Algorithmen

  1. Eine einzige Collectable-Variante über alle Studienzentren
  2. Mehrere Calculatable-Varianten für verschiedene Scoring-Ansätze:
    • Standard-Scoring
    • Populationsspezifisches Scoring
    • Forschungsspezifische Algorithmen
  3. Alle Berechnungen nutzen dieselben Quelldaten

Szenario 3: Historische Datenmigration

  1. Legacy-Daten als QuestionnaireResponses importiert
  2. Calculatable-Varianten nachträglich angewendet
  3. Standardisierte Scores für historische Vergleiche generiert

Technische Implementierungsdetails

Capability-Extensions

Die Questionnaire-Capabilities werden als separate boolesche Sub-Extensions implementiert:

//FSH
Extension: MII_PR_PRO_Questionnaire_Capabilities
* extension contains
    displayable 0..1 MS and
    collectable 0..1 MS and
    populatable 0..1 MS and
    extractable 0..1 MS and
    calculatable 0..1 MS and
    domainAligned 0..1 MS
* extension[displayable].value[x] only boolean
* extension[collectable].value[x] only boolean
* extension[populatable].value[x] only boolean
* extension[extractable].value[x] only boolean
* extension[calculatable].value[x] only boolean
* extension[domainAligned].value[x] only boolean

Diese boolesche Struktur ermöglicht flexible Capability-Kombinationen, da mehrere Capabilities gleichzeitig aktiv sein können.

Vorausfüllungs-Mechanismus

Nutzung der SDC-Vorausfüllungsfähigkeiten:

* extension[sdc-questionnaire-sourceQueries].valueReference = Reference(QuestionnaireResponse/erfasste-daten)
* extension[sdc-questionnaire-launchContext].extension[name].valueId = "sourceResponse"
* extension[sdc-questionnaire-launchContext].extension[type].valueCode = #QuestionnaireResponse

Vorteile der Separation-of-Concerns Architektur

  1. Wartbarkeit: Änderungen der Berechnungslogik beeinflussen nicht die Erfassung
  2. Versionierung: Verschiedene Versionen von Fragebögen und Berechnungen können koexistieren
  3. Performance: Berechnungen können separat von der Erfassung optimiert werden
  4. Compliance: Verschiedene Projekte können unterschiedliche Anforderungen bzgl. Darstellung haben
  5. Forschung: Neue Scoring-Algorithmen können ohne Änderung der Erfassung getestet werden
  6. Integration: Systeme können die für ihre Fähigkeiten geeignete Variante wählen

Weitere erweiterte Capabilities in Betracht:

  • Perzentilränge und Z-Scores
  • Alters- und geschlechtsadjustierte Normen

Change Detection:

  • Automatische Erkennung signifikanter Veränderungen
  • Trend-Analysen über multiple Zeitpunkte
  • Alert-Generierung bei kritischen Veränderungen

Diese erweiterten Capabilities werden die Integration von PROs in klinische Entscheidungsprozesse und Qualitätssicherung weiter verbessern.

Fazit

Die Trennung von Displayable-, Collectable- und Calculatable-Fragebogen-Capabilities bietet einen strukturierten Ansatz für die PRO-Implementierung. Diese Aufteilung in grundlegend verschiedene Verantwortlichkeiten, die je nach Bedarf kombiniert werden können, unterstützt die Entwicklung flexibler und wartbarer Systeme für Patient-Reported Outcomes und deren Instrumente.

Dieser Architekturansatz adressiert die praktischen Herausforderungen moderner Gesundheits-IT, in der Datenerfassung, Berechnung und Präsentation häufig in unterschiedlichen Systemen, zu verschiedenen Zeitpunkten und für verschiedene Zwecke stattfinden.